Fahrermangel: Ukraine-Krieg trifft Lkw-Verkehr in Deutschland und Europa

Die Logistikbranche in Deutschland und Europa sieht immense Probleme für die Güterversorgung aufziehen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine könnte den Fahrermangel in einem Ausmaß verschärfen, dem viele Lieferketten nicht standhalten werden. Von Carl Batisweiler

Weil weite Teile des Lkw-Verkehrs in Deutschland von osteuropäischen Transportflotten abgewickelt werden, fürchten der Europäische Ladungs-Verbund Internationaler Spediteure AG (ELVIS) und der Wirtschaftsverband Mittelstand.BVMW um die Versorgung mit Gütern in Deutschland und vielen anderen Regionen Europas. Denn laut Mauterhebung wickeln osteuropäische Transportflotten weite Teile des Lkw-Verkehrs in Deutschland ab. Welchen Anteil ukrainische Fahrer daran haben, lässt sich nicht genau beziffern, da das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) deren Fahrleistung nicht gesondert erfasst. Ermittelbar ist hingegen der Anteil polnischer Lkw an der Fahrleistung in Deutschland. In der BAG-Statistik wird dieser mit 17,5 Prozent ausgewiesen, was mithin gut die Hälfte aller hierzulande von ausländischen Unternehmen durchgeführten Transporte bedeute, so die Verbände. Branchenintern bekannt sei darüber hinaus, dass viele in Polen beschäftigte Fahrer aus der Ukraine stammen.

Das Gros dieser Lkw-Fahrer könne oder wolle seinem Beruf in der jetzigen Situation nicht mehr nachgehen. Entweder, weil die Männer im Rahmen der von Präsident Selenskyj angeordneten allgemeinen Mobilmachung zur Verteidigung ihres Heimatlandes einberufen wurden, oder zurückkehren, um ihre Familien zu unterstützen und in Sicherheit zu bringen. „Wir reden hier von geschätzt 100.000 ukrainischen Fahrern, die sich aktuell allein in Polen aufhalten und den Transportunternehmen schon bald nicht mehr zur Verfügung stehen könnten. Das käme einem Aderlass gleich, der sich kaum kompensieren ließe“, so Klaus Meyer, Vorsitzender der Fachkommission Logistik und Mobilität im BVMW.

ELVIS und BVMW appellieren daher an alle deutschen Spediteure und Transportdienstleister, den Kontakt zu ihren Auftraggebern und Subunternehmen schnellstmöglich zu intensivieren und sich gleichzeitig auf die erwartbare Verknappung der Transportkapazitäten vorzubereiten. Gefordert sei darüber hinaus die Politik, gemeinsam mit der Branche umgehend Lösungsansätze zu erörtern. Denkbar sei beispielsweise eine zeitlich befristete Aussetzung des Mobilitätspakets. Nikolja Grabowski, Vorstand der ELVIS AG: „Ohne die Regelungen grundsätzlich in Frage zu stellen, braucht die Transport- und Logistikbranche in Europa jetzt jede Möglichkeit, flexibel zu agieren, um ihren Versorgungsauftrag erfüllen zu können.“

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