Bescherung an der Autobahn

Der Kraftfahrerkreis besuchte über die Feiertage Trucker, die wegen des Fahrverbots auf Rasthöfen gestrandet waren.

Thiendorf. Am ersten Weihnachtsfeiertag morgens um halb neun liegt die B 98 zwischen Großenhain und Thiendorf wie ausgestorben da. Zwei Pkw, ein Müllermilch-Transporter, ein Rettungsfahrzeug mit Blaulicht – mehr ist nicht los auf der sonst stark frequentierten Bundesstraße. Auf dem Autohof an der A-13-Auffahrt ist ein gutes Dutzend Trucks gestrandet. Bulgarische, rumänische und polnische Kennzeichen; einige Fahrer sind gerade mit der Waschtasche unterwegs zum Sanitärbereich der Aral-Tankstelle. Andere sitzen in der Fahrerkabine und frühstücken. Agim Bedri und Husyin Habil schauen erst ein wenig befremdet, als ein Mann mit roter Weihnachtsmütze an die Beifahrertür klopft. Aber dann ahnen die beiden bulgarischen Trucker, dass es wohl gleich ein kleines Geschenk geben wird, und ein Lächeln huscht über ihre Gesichter. Obwohl sie weder deutsch noch englisch sprechen, ist der Kontakt schnell hergestellt. Sie seien mit einem Tiertransport aus ihrem Heimatland ins finnische Turku unterwegs, radebrechen sie. Ja, und nun eben ins deutsche Feiertags-Fahrverbot geraten.

Enrico Poethig vom Kraftfahrerkreis Großenhain-Dresden will ihnen die dreitägige Zwangspause ein wenig versüßen. Der 41-jährige hat selbst jahrelang am Lenkrad eines Fern-Trucks gesessen und weiß, wie gut ein bisschen Zuspruch bei einer solchen unfreiwilligen Rast tut. Deshalb beteiligt er sich an der Weihnachtsaktion der Allianz im deutschen Transportwesen. Die Berufsfahrer-Organisation entsendet am 1. und 2. Weihnachtsfeiertag Mitglieder und freiwillige Helfer an Tank- und Rastanlagen, um dort festsitzenden Lkw-Fahrern, die über die Festtage nicht mit ihrer Familie zusammen sein können, eine Weihnachtstüte vorbei zu bringen. Es sind kleine Aufmerksamkeiten darin – ein Schokoladenweihnachtsmann, Nüsse, selbst gebackene Plätzchen, Trinkpakete, Gutscheine und anderes mehr. Dazu ein Flyer in den verschiedensten Sprachen, auf dem zu lesen ist, dass man die Trucker nicht vergessen hat und man ihnen dankt. Die Tüten selbst werden von den Menschen, die sie verteilen, teilweise selbst bezahlt. Aber auch viele Sponsoren, wie die Gewerkschaft Verdi, unterstützen die Aktion.

Witold Jewdobim hätte die Feiertage natürlich auch lieber mit seiner Familie im nordostpolnischen Augustow verbracht. Aber dann blieb der Truck eines Kollegen liegen, und er musste dessen Ladung übernehmen. Auf dem Weg nach Löbau kam kurz vorm Ziel der Stopp in Schönfeld. Auch der Pole ist hocherfreut über die Geschenktüte und die kleine Plauderei, die etwas Abwechslung in die triste Warterei bringt. Das sei nun mal Fernfahrerschicksal, meint er gleichmütig. Einmal, auf dem Weg von Kasachstan nach Polen, habe er wegen der unterschiedlichen Zeitzonen gleich dreimal in Folge den Jahreswechsel erlebt. Allerdings auf dem Bock und nicht bei einer gemütlichen Silvesterfeier.

Mit dem polnischen Fernfahrer funktioniert die Kommunikation ausgezeichnet, denn Enrico Poethig wird von einem sprachkundigen Helfer begleitet. Janusz Trapszo ist gebürtiger Pole und immer zu einem Plausch aufgelegt. Dass ausgerechnet ein bulgarischer Kälbertransport auf dem Schönfelder Autohof hängengeblieben ist, findet der Nünchritzer aber nicht so toll. „Die müssten wegen des Tierschutzes doch eigentlich durchfahren dürfen“, sagt er. Aber dafür könne man nicht Fahrer verantwortlich machen. Trapszo war selbst mehr als 30 Jahre lang Berufskraftfahrer. Jetzt ist er Rentner und will in seiner Freizeit den Berufskollegen etwas Gutes tun. Gleich wird er wieder ins Auto steigen und nach Nossen weiterfahren. „Die Mitglieder der sächsischen Kraftfahrerkreise fahren über die Feiertage jeden Autobahnkilometer im Freistaat ab und verteilen ihre Weihnachtstüten“, so Enrico Poethig. Der Großenhainer hat die hiesige Regionalorganisation, die sich als berufliche Interessenvertretung versteht, im Juni 2017 gegründet. Bei regelmäßigen Treffen des Netzwerkes sollen die Fahrer über ihre Rechte aufgeklärt, Weiterbildungen organisiert und fachliche Probleme geklärt werden.

Quelle dieses Artikels klick hier : Sächsische Zeitung